week 77

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FLYER von Minyoung Paik, 2014 www.minyoungpaik.com

„Man muß sich beeilen“, schrieb Paul Cézanne 1906, ernüchtert von den Umwälzungen des hereingebrochenen Industriezeitalters, „wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.“ Es verschwanden die alten Straßen unter neuen, Landschaften unter den Städten, bald die Städte unterm Bombenhagel. Wie um das Entgleiten der Dinge hinauszuzögern, haben wir seitdem Instrumente erfunden, sie festzuhalten und aufzubewahren. Photographie, Film und digitale Medien verdoppeln gleichsam die verblassende Welt und ersetzen sie durch Bilder, die ihre eigene Realität beanspruchen. Diese Welt aus zweiter Hand ist für viele inzwischen zu ihrer eigentlichen geworden: für den Touristen, der anhand der Facebookpostings feststellt, wie sein Urlaub gewesen ist, wie für den Kunstliebhaber, der die Mona Lisa hundertfach aus Büchern kennt und dann enttäuscht ist, wenn er vor dem panzerglasgesicherten Original steht. Die zeitgenössische Kunst mag, um unverwechselbar zu bleiben, auf die Allgegenwart der Bilder mit dem Rückzug aus der Abbildlichkeit reagieren – von der visuellen Überhitzung wird sie trotzdem voll erfasst: als Konkurrentin um Aufmerksamkeit, Zuwendung, Geld, aber auch als Mitverursacherin des Bilderstroms, die einen immer schneller rotierenden Markt beständig mit Nachschub versorgt. Nicht ohne Grund also fliegen uns ihre Produkte in Minyoung Paiks „Flyer“ in einem atemberaubenden Tempo um die Ohren. Wie Derwische drehen sich sechs Postkartenständer um die eigene Achse, und mit ihnen die Warhols, Richters, Naumans und wie sie alle heißen. 480 Werke aus der Hamburger Kunsthalle, dem Stedelijk Museum in Amsterdam, der Basler Fondation Beyeler, der Malmö Konsthall und etlichen anderen Sammlungen sausen vorbei, dass einem schwindlig wird. Ihre Konturen und Farben, Menschen und Gegenstände verschwimmen im Vorüberzischen zu bunten Schlieren, als würde mit der Kunstgeschichte Hula-Hoop getanzt. Sie blitzen auf und verschwinden; und wir müssen uns eben beeilen, wenn wir etwas sehen wollen. / Christian Hartard

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